"Aktiv für Demokratie und Toleranz 2010“ vom 20. Juni bis 20. September 2010
Sa 31.07. - Sa 14.08.2010:
Internationales Jugendworkcamp 2010, KZ-Gedenkstätte Neuengamme
27.05.2009
Bremen (mh). Auf eine ungewöhnliche Spurensuche nach dem jüdisch-christlichen Erbe lädt die Ausstellung „Ich bin, der ich bin“ im Gerhard-Marcks-Haus in Bremen ein. Hier sind vom 17. Mai bis zum 12. Juli 72 Werke des jüdischen Künstlers Joseph Semah ausgestellt.
Joseph Semah, 1948 als Enkel des letzten Großrabbiners in Bagdad geboren und in Tel Aviv aufgewachsen, lebt heute in Amsterdam und bezeichnet sich selbst als „atheistischen Juden“. Aber für ihn steht fest: die Rede vom jüdisch-christlichen Erbe ist eine leere Floskel, wenn niemand mehr die jüdischen Elemente dieser Tradition kennt. So will Semah mit seiner Kunst auch Interesse für sein babylonisches Erbe und die jüdische Tradition wecken.
Die Ausstellung bietet viele Möglichkeiten, sich im Entschlüsseln jüdischer Sachverhalte und im Umgang mit unterschiedlichen Bedeutungsschichten zu üben. Denn Semah versteht seine Kunstwerke als „Anmerkungen zum Text“ im Sinne des babylonischen Talmuds: als Ring von Interpretationen und Kommentaren, der um einen Text kreist und immer weitergeführt werden kann.
Schon der Titel der Ausstellung „Ich bin, der ich bin“, auf hebräisch das aus vier Konsonanten bestehende Tetragamm für den Eigennamen Gottes, deutet an, um was es dem Künstler geht: Es geht ihm um Rätselhaftigkeit und Vieldeutigkeit, um die „produktive Beziehung zwischen dem Verstehenwollen des Fremden und der Unerreichbarkeit dieses Anspruchs“.
Der Besucher trifft auf Hasen, Hähne, Hunde und Kugeln in Bronze und Kupfer, die unter Glas- und Stahlplatten liegen, festgebunden oder mit Lichterketten umlegt sind. Ausgestellt sind Spiegel in Form von jüdischen Gebetskapseln, Weingläser, gefüllt mit der Asche verbrannter Gedichte und immer wieder Grundrisse. Um den Zugang zu der symbolträchtigen Kunst Semahs zu erleichtern, stellt das Gerhard-Marcks-Haus Besuchern ein Glossar mit 72 Begriffserklärungen zu Symbolen und Regeln des Judentums zur Verfügung.
Der Hund hat aus jüdischem Blickwinkel eine bedrohliche Bedeutung: „Der Hund ist das Böse, der Fremde, die konstante Angst der Juden“, so Semah. Der Hase steht für ihn als Chiffre für das Judentum: Spätmittelalterliche Illustrationen auf denen Hasen von Hunden gejagt werden, spielen auf von Christen verfolgte Juden an. Der Spazierstock kann als Symbol für die Wanderschaft und das Exil gelesen werden, also für die Lebensrealität der Juden seit ihrem Auszug aus Ägypten vor über 3200 Jahren.
Auch Hauptwerke der modernen Kunst betrachtet Semah aus der Perspektive der babylonischen jüdischen Tradition: Albrecht Dürers Kupferstich „Melencolia I“ von 1514, die Werke des Philosophen Baruch de Spinoza (1632-1677) und des Dichters Paul Celan (1920-1970). Textteile aus dem Gedicht „Todesfuge“ von Celan tauchen in verschiedenen Werken auf.
Der 61jährige Künstler ist davon überzeugt, dass jedes Ding als Zeichen gelesen werden und so verschiedene Bedeutungen haben kann. Deshalb kombiniert er Dinge stets aufs Neue und erreicht dadurch Brüche, Überlagerungen, Veränderungen oder Akzentverschiebungen. Die Betrachter sollen seine Kunst nicht „verstehen“, sondern ganz persönlich ihre Symbolik erschließen. Denn die Deutungsmöglichkeiten beruhen auf den jeweiligen kulturellen Wurzeln und persönlichen Erfahrungen des Betrachters. Diese Erfahrung können Besucherinnen und Besucher noch bis zum 12. Juli im Gerhard-Marcks-Haus in Bremen machen.
Joseph Semah ist in Bremen kein Fremder, weil er seit vielen Jahren mit dem Kurator des Gerhard-Marcks-Hauses, Dr. Arie Hartog, und dessen Direktor, Dr. Jürgen Fitschen, verbunden ist. 1998 nahm Semah an der „Turmbau zu Babel“-Ausstellung teil. Zum Jahr der Bibel 2003 veranstaltete das Gerhard-Marcks-Haus in Zusammenarbeit mit den Kirchen in Bremen das Projekt „The Song of the Sea“ bei dem Installationen von Joseph Semah in verschiedenen Bremer Gotteshäusern ausgestellt wurde. 2007 konnte das Projekt „Next Year in Jerusalem“ verwirklicht werden.
Gerhard-Marcks-Haus: Am Wall 208, 28195 Bremen
Öffnungszeiten:
Di. bis So. 10 bis 18 Uhr,
Jeden Do. um 17 Uhr und
jeden So. um 12 Uhr Führungen